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Österlich leben

 

"Ankunft im gewandelten Leben" versuche ich zu beschreiben als die Art, wie ein Leben von Ostern her sein könnte:

 

Niemals wieder vergessen, dass es ein inneres Zentrum gibt, aus dem alles entspringt und dem ich verpflichtet bin, aus dem ich lebe. An die Stelle der Außenleitung durch Umstände und Gesellschaft die Innenleitung zulassen. Das bedeutet: Alles, was mein Leben ausmacht, ist vorläufig, vordergründig, nur äußerlich zwingend. Es gibt Tieferes, Eigentlicheres, und die Beziehung dazu gibt viel Freiheit. Diese Freiheit versuche ich zu beschreiben. Ich nenne sie österlich leben. Österlich leben bedeutet, die Endlichkeit des eigenen Daseins nicht mehr bedauern oder beklagen, sondern sie annehmen. Endlichkeit bedeutet doch auch: Ende der Schmerzen, der Konflikte, der Mühe, das ist ein Trost. Endlichkeit verleiht den schönen Augenblicken den Wert besonderer Einmaligkeit und Kostbarkeit. Sie sind Momente der Gnade.

 

Österlich leben berechtigt zu der Überzeugung, dass das Böse nicht das letzte Wort behält, auch wenn es lange Zeit so scheint. Etwa Größeres, Strahlendes, eine liebevolle Macht leuchtet jenseits aller Schrecken auf, heilend, mit Sinn erfüllend. Darum kann Unrecht mit Geduld ertragen werden.

 

Österlich leben bedeutet, immer wieder wahrnehmen zu können, dass es die leisen Kräfte sind, die uns tragen. So sanft wie die Frühlingssonne, so zart wie das Knospen der Pflanzen, so gewaltlos wie ein liebevoller Blick ist das Lebendige, und es hat erneuernde, überwindende Kraft. "Lass uns das Leben wieder leise lernen" hieß ein schöner Buchtitel. Das kann man sich zum Programm machen, und es wird Früchte tragen.

 

Österlich leben heißt, behutsam mit endgültigen Urteilen sein. Hinter allem, was andere Menschen tun, und scheine es uns noch so bösartig, unverständlich und verletzend, stehen Impulse und Überzeugungen, die womöglich etwas Wichtiges enthalten. Mit dem Urteilen und Verdammen könnten wir uns selbst ins Unrecht setzen. Mit Bescheidenheit und Behutsamkeit tun wir uns selbst nur Gutes.

 

Österlich leben befähigt dazu, auch die eigenen Leidenserfahrungen einfach so stehen zu lassen. Nicht nach eigener Schuld oder nach der Schuld anderer fragen. Nichts rechtfertigen, nicht trösten, kein Beschwichtigen. Stehen lassen und sie in neuem Licht anschauen, im Licht von Ostern. Geduldig warten, dass der Sinn sich eines Tages zeigt, auch wenn es lange dauern kann.

 

Österlich leben bedeutet haben als hätte man nicht. Die Dinge, die wir besitzen, die Menschen, die zu uns gehören, die Erfolge, die wir erarbeitet haben, als Leihgabe des Lebens und Gottes an uns begreifen. Dankbar dafür sein, sorgfältig mit ihnen umgehen, sie aber nicht als Besitz betrachten, als unser Recht, auf das wir einen Anspruch hätten. Das macht alles leichter.

 

Österlich leben gibt dem Dasein etwas Spielerisches. Es kommt am Ende unseres Lebens nicht auf das an, was wir getan haben und mit welchem Erfolg, sondern auf das Wie. Mit wieviel Freude, mit wieviel Liebe, mit wieviel Freundlichkeit, mit wieviel Selbsterkenntnis haben wir die Aufgaben gelöst, die das Leben uns gestellt hat?

 

Österlich leben ermöglicht es, aktuelle Entscheidungen vom eigenen Sterbebett aus zu betrachten, sich die Frage zu stellen: Wie würde ich am Ende meines Lebens wünschen, mich entschieden zu haben? Die Erfahrung zeigt, dass dann, wenn das Leben unwiderruflich zu Ende geht, nicht die materiellen Erfolge zählen und schon gar nicht das moralisch immer untadelige Verhalten, mit dem man sich vieles versagt hat. Was Sterbende schmerzt und belastet, ist ungelebtes Leben, sind ausgeschlagene Chancen, sind ungenutzte Gelegenheiten zu lieben und sich lieben zu lassen.

 

Österlich leben befreit zu dem Lachen, das zum Osterfest gehört. Lachen über die eigenen Dummheiten und Irrwege, lachen selbst über eigene Scham und Schuld, lachen über die Situationen, in denen es keinen Ausweg mehr zu geben scheint.

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